MALEREI 2004—2009

Atelierskizzen 2006

2004

2003

Erich Reusch malt keine Bilder.
Seine Malereien sind Begegnungsfelder für offene Bewegungen.Flüchtige Bahnen, gewischte Explosionen, gerichtete Spritzer, fast zufällige Flüsse, aber auch parallele Strukturen, strenge Vertikalität, horizontale Verfestigung, ins Auge springende Farbenergien, schrille Differenzen, Überlagerungen, Transparenz und Verdeckung, Materialität und optisches Flimmern, das Markante und sein Echo, Untertöne gerade noch ein Schimmern, Verbindung und Unvereinbarkeiten, Schnelligkeiten, Hektik, Ruhe, Stille, Leere, Sprunghaftigkeit, Offenheit, RaumBewegung im Bild wird zur Bewegung des Blicks. Ruhe im Blick wird ebenfalls zur Bewegung des Blicks. Eine Sichtweise trifft auf. Was man sieht, bleibt unvorhersehbar. Jeder Eindruck bleibt frisch, es gibt keine Gewöhnung.          
Nichts, worauf man blickt, lässt sich ruhig betrachten. Die Farben und Formen fordern ganz unterschiedliche Sichtweisen. Der Blick kann sich nicht auf etwas richten, sondern bewegt sich zwischen allen Farben und Formen. Was man sieht, ist das Dazwischen. Man kann es auch nennen: den Raum. Das Thema von Erich Reusch ist der Raum. Jedes Mal ist es ein ganz anderer Raum, eine besondere Spannung zwischen den Seheinstellungen, eine spezifische Bewegungserfahrung, ein Erlebnis dieser Übergänge, Sprünge und Verwandlungen.Ein optisch erlebter Raum.
Vielstimmigkeit, Polyfonie ohne ein Thema, ohne eine Tonart. Gleichwertigkeit von unvereinbaren Stimmen, die miteinander interagieren. Weder Harmonie noch Dissonanz. Das Bild setzt keine geschlossene Einheit voraus, die erst noch aufgebrochen werden muss. Es ist ein Begegnungsfeld für offene Bewegungen…

Erich Franz | Erich Reusch – Neue Arbeiten aus der Vergangenheit | Textauszug Über das Anschaubare hinaus, S. 64–65 | Kerber Art, 2009 | ISBN 978-3-86678-291-4

2005

2006

2006

2007

2007

2007

2007

2008

2009

2007

Mit welchem Blick betrachten wir die Werke von Erich Reusch? Welchen Blick erzeugen sie?
Man kann sich nicht niederlassen und verweilen, der Blick wird nicht gefesselt oder festgehalten. Man schwebt, gleitet weiter, eilt, hält kurz inne, etwas stört, passt zunächst nicht, man stellt sich um und sieht es wieder mit anderen Augen. Der Blick springt über Distanzen, man spürt eine Spannung, geht hin und her, eine Farbe leuchtet, man taucht ein und findet kleinere Wege, Ähnlichkeiten, Streuungen. Man erfasst eine Festigkeit, doch entlässt sie den Blick ins Offene. Etwas Gleichmäßiges dehnt sich aus, wird aber gestört, sodass sich die Aufmerksamkeit umstellt. Eine Form bildet sich, behält aber etwas Lockeres und Offenes. Man findet einen Horizont, aber er entschwindet.
Das plastische Element von Reusch ist der offene Raum. Das Sehen trifft von außen her auf die Farben und Formen, mit aller sinnlichen Überraschung treten sie in den Blick. An keiner Stelle bleibt man stehen. Dieses Gestalten über Distanzen hinweg, dieses Weitersehen kommt bei Reusch aus einem räumlich-architektonischen Denken: das Werk als Platz, als Akzent, als Zugang und Ausbreitung. 1953 – 1964 arbeitete er überwiegend als Architekt. Die damalige moderne Skulptur öffnete sich auf den Raum, besaß aber immer noch eine Mitte – Hans Uhlmann, Norbert Kricke, David Smith. Bei Reusch traf dagegen der Raum auf die Skulptur, er wurde gebündelt, in Spannung gebracht, weitergeleitet. Schon in den 1950er und 1960er Jahren konzipierte er flache Skulpturen, ohne Volumen, völlig offen, Richtungen sammelnd und abgebend. Eigentlich begann Reuschs Werk noch früher, in den 1930er Jahren – als reines, präsentiert im Foto, in Momenten des Lichts. Dieses Gleiten des Blicks erzeugen auch seine späteren Fotoarbeiten.

Erich Franz | Erich Reusch – Dezentral | Kerber Art, 2011 | ISBN 978-3-86678-533-5

1936

1936

2012, c-Print

2012, c-Print

Objekte | 2010–2014

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